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34. Spieltag

Der Tag, an dem Mainz kam

Über den 20. Mai 2023 und darüber, wie man sowas aushält

22. Mai 2023Saison 2022/233 MinutenDer Autor

Ein Punkt Vorsprung, ein Heimspiel, 81.000 Leute mit Meisterschals in der Tasche – und am Ende ein 2:2. Zwei Tage später versuche ich aufzuschreiben, warum ich trotzdem stolz auf diese Mannschaft bin.

Ich habe zwei Tage gebraucht, um diesen Text anzufangen. Nicht, weil mir nichts eingefallen wäre, sondern weil mir am Samstagabend und am Sonntag zu jedem Satz, den ich getippt habe, sofort eingefallen ist, dass ich ihn nicht meine.

Jetzt geht es. Also.

/Was passiert ist

34. Spieltag. Wir haben einen Punkt Vorsprung auf Bayern und ein Heimspiel gegen Mainz. Alles, was wir tun müssen, ist gewinnen. Nicht mal schön. Einfach gewinnen.

Nach 15 Minuten köpft Hanche-Olsen das 0:1.

In der 19. gibt es Elfmeter für uns. Sébastien Haller nimmt sich den Ball. Im Mainzer Tor steht Finn Dahmen, der erst kurz vorher reingekommen ist. Haller schießt, und der Ball geht nicht rein.

In der 24. macht Onisiwo das 0:2.

Und dann sitzt du da, in einem Stadion, in dem seit dem Morgen alle so tun, als hätten sie es nicht eilig, und du merkst, wie 81.000 Menschen gleichzeitig verstehen, dass es gerade wegläuft.

Guerreiro trifft in der 69. Süle macht in der 96. das 2:2, und in dem Moment ist die Halle noch mal komplett durchgedreht, weil ja immer noch eine Minute war und weil immer noch eine Minute reicht, wenn man an sowas glaubt.

Es hat nicht gereicht. Bayern hat in Köln gewonnen. Meister auf Tordifferenz.

/Über Sébastien Haller

Es gab am Samstag Leute, die nach dem Abpfiff seinen Namen in einer Art gesagt haben, die ich nicht in Ordnung fand. Deshalb dazu kurz und deutlich.

Dieser Mann hat im Juli davor die Diagnose Hodenkrebs bekommen. Im Juli. Er hat eine Chemotherapie gemacht, zwei Operationen, und er ist im Januar auf den Platz zurückgekehrt. Nicht als Symbol, sondern als Stürmer, der Spiele entschieden hat.

Wer eine solche Saison hinter sich hat und sich in der 19. Minute eines Endspiels den Ball nimmt, weil er Verantwortung übernehmen will, der bekommt von mir keine Kritik. Der bekommt von mir eine Umarmung.

Er hat danach gesagt, ein Traum sei zerstört worden, und man hat gesehen, wie fertig er war. Ich hoffe, er weiß, dass hier niemand, dessen Meinung zählt, ihm diesen Elfmeter nachträgt.

Wir haben an diesem Tag nicht die Meisterschaft verloren. Wir haben sie in den 33 Spieltagen davor überhaupt erst in Reichweite geholt – mit einem Kader, dem das im August niemand zugetraut hätte.

/Warum ich trotzdem stolz bin

Rechnen wir kurz nach, wo diese Saison angefangen hat. Erling Haaland war weg. Der Kader war umgebaut. Im Herbst lief es so durchwachsen, dass über allem die Frage stand, ob überhaupt die Champions League drin ist.

Und dann kommt eine Rückrunde, in der diese Mannschaft Spiel für Spiel gewinnt, teilweise dreckig, teilweise in letzter Minute, und plötzlich ist der Punkt Vorsprung da und ganz Deutschland guckt auf Dortmund.

Das hat uns niemand geschenkt. Das haben sich Jungs erarbeitet, die im Winter noch belächelt wurden.

Dass es am letzten Tag nicht gereicht hat, ist bitter. Es ist so bitter, dass ich am Samstagabend eine Stunde lang nicht ansprechbar war und meine Frau irgendwann einfach die Tür zugemacht hat.

Aber es ändert nichts an der Leistung.

/Und das Stadion

Das Beste an diesem Tag kam nach dem Abpfiff.

Die Mannschaft stand da, kaputt, halb weinend, und niemand wusste, wohin. Und dann hat die Südtribüne angefangen zu singen. Nicht höhnisch, nicht wütend. Einfach gesungen.

Ich habe in meinem Leben viele Stadien im Fernsehen gesehen, in denen nach so einem Nachmittag Pfiffe kamen. Bei uns kam das hier.

Ich habe an dem Abend eine Sache begriffen, die ich vorher nur behauptet hatte: Dass es diesem Verein tatsächlich nie nur um Titel ging. Sondern um die Frage, ob sich alle alles gegeben haben.

Haben sie. Nächste Saison nochmal.

Schlagworte2022/23MainzHallerMeisterschaft