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Heimspiel

Zwölf Uhr, Bratwurst, Beton

Ein Heimspieltag, aufgeschrieben, bevor ich ihn vergesse

04. November 2023Saison 2023/243 MinutenDer Autor

Nichts in diesem Text ist wichtig. Kein Ergebnis, keine Analyse, keine Personalie. Nur der Ablauf eines Samstags, der bei mir seit dreißig Jahren fast unverändert ist.

Manchmal schreibe ich hier über Transfers und Taktik und tue so, als wüsste ich irgendwas. Heute nicht. Heute geht es nur um den Samstag selbst, weil ich gemerkt habe, dass ich den Ablauf nie aufgeschrieben habe, und irgendwann werde ich Details vergessen.

Also, der Reihe nach.

/Vormittags

Ich stehe früher auf als an einem normalen Samstag, obwohl es keinen Grund gibt. Der Anpfiff ist um halb vier. Ich bin um neun wach und habe nichts zu tun.

Frühstück fällt kürzer aus als sonst. Ich lese nichts über das Spiel. Das habe ich mir irgendwann abgewöhnt, weil mir die Vorberichte die Vorfreude wegnehmen.

Dann das Trikot. Nicht das aktuelle – ich habe eins von 1995, das mir längst nicht mehr passt und das ich trotzdem einmal aus dem Schrank nehme und wieder reinlege. Das ist ein Ritual, über das ich mit niemandem rede, und jetzt steht es im Internet.

/Mittags

Zug. Immer derselbe. Der Waggon füllt sich an jeder Station ein Stück mehr, und ab einem bestimmten Punkt fahren nur noch Leute mit, die in dieselbe Richtung wollen wie ich.

Es gibt in diesem Zug eine Sache, die ich an keinem anderen Tag der Woche erlebe: Fremde reden miteinander. Ohne Anlass, ohne Höflichkeitsfloskeln. Einer sagt "Ich weiß nicht, ob wir das heute packen", und dann diskutieren sieben Menschen, die sich nie wiedersehen werden, zwanzig Minuten lang über die Aufstellung.

Ich finde das jedes Mal aufs Neue bemerkenswert. In dieser Stadt gibt es einen Tag in der Woche, an dem der Small Talk abgeschafft ist.

/Am Stadion

Bratwurst. Immer an derselben Bude, immer ohne Senf, immer zu heiß, weil ich immer zu ungeduldig bin.

Danach dieser Moment, den ich niemandem erklären kann, der ihn nicht kennt: Man geht durch den Tunnel auf den Rang, und für zwei, drei Sekunden sieht man nichts – und dann ist plötzlich alles da. Das Grün. Das Licht. Und rechts diese Wand aus Menschen, die einfach nicht aufhört.

Ich stehe seit über zwanzig Jahren ungefähr an derselben Stelle. Die Leute um mich herum haben sich verändert, ein paar sind gestorben, ein paar sind weggezogen, dafür sind Kinder dazugekommen, die inzwischen selbst Kinder mitbringen. Namen weiß ich von den wenigsten. Trotzdem würde ich merken, wenn einer fehlt.

Es gibt keine zweite Situation in meinem Leben, in der 81.000 Leute gleichzeitig dasselbe wollen. Nicht eine.

/Anpfiff

Und dann ist das mit dem Text hier auch schon vorbei, weil ich von den nächsten 95 Minuten nie eine geordnete Erinnerung mitnehme. Ich weiß hinterher, ob es gut war. Ich weiß, ob ich heiser bin. Ich weiß meistens nicht mehr, wer in der 22. Minute den Eckball getreten hat.

Was bleibt, sind Momentaufnahmen. Der Typ zwei Reihen vor mir, der bei jeder Ecke "JETZT!" brüllt, seit Jahren, ohne Ausnahme, auch bei 0:3. Die alte Dame im Oberrang, die bei einer Schwalbe des Gegners fluchen kann wie ein Kranführer. Das kurze Ding, wenn ein Junge, der vorher noch nie gespielt hat, eingewechselt wird und die Wand seinen Namen lernt.

/Danach

Rückweg im Dunkeln. Wenn es gut lief, wird gesungen. Wenn es schlecht lief, wird geschwiegen und irgendwann fängt einer trotzdem an.

Zu Hause mache ich die Tür auf, ziehe die Schuhe aus, und der Tag ist weg, als wäre er nie gewesen. Am Montag sitze ich in einem Meeting und rede über Dinge, die angeblich wichtig sind.

Und am Dienstag fange ich an, auf den nächsten Samstag zu warten.

Das ist alles. Kein Fazit, keine Pointe. Nur ein Ablauf, der sich seit dreißig Jahren kaum verändert hat und der vermutlich das Stabilste in meinem Leben ist.

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