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50 Jahre

Fünfzig Jahre Beton, Lärm und Zuhause

Das Westfalenstadion hat Geburtstag, und ich habe zwei Drittel davon miterlebt

08. April 2024Saison 2023/243 MinutenDer Autor

Am 2. April 1974 wurde das Westfalenstadion eröffnet, mit einem Freundschaftsspiel gegen Schalke. Am Samstag gab es zum Jubiläum ein Sondertrikot, eine Choreo und eine 0:1-Niederlage. Über ein Gebäude, das für viele von uns mehr ist als ein Gebäude.

Ich war am Samstag da, und ich bin mit einem sehr merkwürdigen Gefühl nach Hause gefahren. Weil der Abend gleichzeitig der schönste und der ärgerlichste seit Wochen war.

Der schöne Teil: 81.365 Menschen, ein Sondertrikot, das die verschiedenen Ausbaustufen dieses Stadions ineinanderblendet und an das Trikot des ersten Mannschaftsfotos von 1974 angelehnt ist. Eine Choreo, bei der ich kurz nicht mehr wusste, wo ich hingucken soll. Im BORUSSEUM eine Sonderausstellung zur Geschichte des Ganzen.

Der ärgerliche Teil: 0:1 gegen Stuttgart. Tor von Serhou Guirassy in der 64. Minute.

Man kann sich das nicht ausdenken. Fünfzig Jahre schönstes Stadion der Welt, und dann kommt ein Stürmer, den in diesem Sommer halb Europa haben will, und macht uns den Geburtstag kaputt.

/2. April 1974

Eröffnet wurde der Kasten mit einem Freundschaftsspiel gegen Schalke. Natürlich gegen Schalke. Schon damals wusste offenbar jemand, dass so ein Haus nur richtig eingeweiht ist, wenn es gleich am ersten Tag um alles geht.

Gebaut wurde es für die WM 1974, als Ersatzlösung, weil in Köln ein größerer Umbau zu teuer geworden wäre. Dortmund hat davon profitiert, dass anderswo gerechnet wurde. Das ist an sich schon eine sehr dortmundsche Geschichte.

54.000 Zuschauer haben damals reingepasst. Der BVB spielte zu diesem Zeitpunkt in der zweiten Liga. Man muss sich das einmal vorstellen: ein Zweitligist bekommt ein WM-Stadion.

Heute sind es exakt 81.365 Plätze, und die Südtribüne ist mit 24.454 Stehplätzen die größte Stehplatztribüne Europas. Das steht in jedem Prospekt, und trotzdem verstehe ich die Zahl bis heute nicht, wenn ich davorstehe.

/Was ich davon mitbekommen habe

Ich bin nicht von Anfang an dabei, ich bin Jahrgang 1986. Aber wenn ich zusammenrechne, komme ich auf ungefähr dreißig Jahre, in denen ich regelmäßig durch dieses Ding gelaufen bin. Das sind zwei Drittel seines Lebens.

In dieser Zeit hat sich fast alles verändert. Die Ecken wurden zugebaut. Die Ränge wurden höher. Aus dem Westfalenstadion wurde offiziell etwas mit einem Versicherungsnamen davor, was hier sowieso niemand sagt.

Was sich nicht verändert hat, ist der Moment, wenn man aus dem Tunnel kommt.

Ich habe das hier schon mal beschrieben und ich mache es wieder, weil es einfach wahr ist: Zwei Sekunden Dunkelheit, und dann ist alles gleichzeitig da. Der Rasen, das Licht, der Lärm. Bei jedem Spiel seit dreißig Jahren.

Ein Stadion ist der einzige Ort, an dem 81.000 Menschen exakt dasselbe wollen und keiner dafür bezahlt wird.

/Die Nächte

Wenn ich anfangen würde aufzuzählen, was ich hier gesehen habe, wäre der Text nie fertig. Deshalb nur ein paar Standbilder.

  • 17. Juni 1995. Ich auf dem Schoß meines Vaters, 2:0 gegen den HSV, Meister nach 32 Jahren.
  • Der April 2013, als Felipe Santana in der 93. Minute gegen Málaga den Fuß hinhält und ich meine Brille verliere.
  • Der April dieses Jahres, 4:2 gegen Atlético Madrid, als ich am nächsten Tag nicht telefonieren konnte.
  • Und dazwischen ein paar hundert ganz normale Samstage, an denen gar nichts Besonderes passiert ist und die mir trotzdem fehlen würden.

/Was dieses Gebäude eigentlich ist

Ich habe mal versucht, jemandem aus dem Ausland zu erklären, warum hier alle so tun, als sei ein Stadion ein Familienmitglied. Es ist mir nicht gelungen.

Es liegt vermutlich daran, dass dieses Haus in einer Stadt steht, in der in denselben fünfzig Jahren ziemlich viel weggebrochen ist. Zechen zu, Stahl weg, Arbeitsplätze weg. Und mittendrin steht ein Betonbau, der nicht kleiner wurde, sondern größer.

Das ist nicht nur Fußball. Das ist auch eine Form von Trotz.

/Zum Geburtstag

Es gab am Samstag eine Mitmach-Aktion, es gab Sonderausstellung, Sondertrikot, Choreo. Viel Aufwand, und man hat gemerkt, dass es dem Verein ernst war.

Am Ende steht trotzdem ein 0:1 in der Statistik, und die Meisterschaft ist in dieser Saison endgültig weg.

Ist mir, ehrlich gesagt, an diesem einen Tag egal gewesen.

Ich bin nach dem Abpfiff noch ein paar Minuten stehen geblieben, als die Ränge sich schon geleert haben. Das mache ich sonst nie. Und dieser Kasten sieht leer fast noch besser aus als voll.

Alles Gute, altes Haus. Auf die nächsten fünfzig.

SchlagworteWestfalenstadionSüdtribüneJubiläum1974