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Personalie

Lars Ricken – Vom Lupfer zum Chef

Der Junge aus der Jugend übernimmt den Laden

01. Mai 2024Saison 2023/243 MinutenDer Autor

Seit heute ist Lars Ricken Geschäftsführer Sport bei Borussia Dortmund. Derselbe Lars Ricken, der 1997 nach 16 Sekunden auf dem Platz Peruzzi überlupft hat. Warum ich diese Entscheidung für die logischste seit Jahren halte.

Ab heute ist Lars Ricken Geschäftsführer Sport von Borussia Dortmund. Er übernimmt den sportlichen Teil von Hans-Joachim Watzke, der bis Ende 2025 noch für Personal, Kommunikation und Strategie zuständig bleibt und dann ganz aufhört.

Und ich sitze hier und komme aus dem Grinsen nicht raus, weil ich bei diesem Namen immer noch zuerst an eine einzige Szene denke.

/16 Sekunden

28. Mai 1997, München, Champions-League-Finale gegen Juventus Turin. 2:1 für uns, und Ottmar Hitzfeld bringt in der 71. Minute einen Zwanzigjährigen aus der eigenen Jugend.

Sechzehn Sekunden später steht es 3:1.

Der Ball kommt von Möller, Ricken ist im Vollsprint, und statt reinzulaufen und irgendwas zu probieren, macht er das Ding, das man mit zwanzig eigentlich nicht macht: Er hebt den Ball aus knapp zwanzig Metern über Angelo Peruzzi hinweg ins lange Eck. Erster Ballkontakt.

Es gibt in diesem Verein intern den Begriff "Jahrhunderttor" dafür. Ich finde das nicht übertrieben.

Was dabei gerne vergessen wird: Das war kein Zufallstreffer eines Einwechselspielers. Der Junge hatte zwei Jahre vorher, am 17. Juni 1995, beim 2:0 gegen den HSV das Tor zur ersten Meisterschaft nach 32 Jahren geköpft. Nach einer Ecke von Stefan Reuter. Er war 18.

Es gibt Spieler, die machen in ihrer Karriere ein großes Tor. Ricken hat zwei gemacht – und beide bei Spielen, die diesen Verein neu definiert haben.

/Was seitdem passiert ist

Ricken hat danach seine gesamte Profikarriere hier verbracht, bis 2007, unterbrochen von einer wirklich üblen Verletzungsserie. Man redet über ihn manchmal so, als sei er der ewige Junge von 1997 geblieben. Das wird ihm nicht gerecht.

Denn danach hat er sechzehn Jahre lang den Job gemacht, den bei diesem Verein niemand feiert und ohne den hier nichts läuft: Nachwuchs.

Seit 2008 war er Nachwuchskoordinator, seit 2021 Direktor des Nachwuchsleistungszentrums. In dieser Zeit ist aus dem BVB-Nachwuchs die erfolgreichste deutsche Akademie des vergangenen Jahrzehnts geworden. Christian Pulisic, Jadon Sancho, Giovanni Reyna – alle über diesen Weg.

Das ist keine Randnotiz, das ist die halbe Geschäftsgrundlage dieses Klubs. Wir verdienen unser Geld damit, junge Leute besser zu machen und sie dann entweder zu behalten oder teuer abzugeben. Wer diesen Bereich fünfzehn Jahre lang aufgebaut hat, versteht dieses Geschäftsmodell besser als jeder Externe.

/Warum ich das für richtig halte

Es hätte andere Lösungen gegeben. Es hätte den erfahrenen Manager von außen gegeben, den, der vorher woanders Erfolg hatte und ein Netzwerk mitbringt.

Der BVB hat sich anders entschieden, und ich verstehe, warum.

Dieser Verein funktioniert nur über Identifikation. Das ist kein Marketingsprech, sondern die praktische Realität: Wir können in Gehaltsverhandlungen nicht mit den Engländern mithalten, wir können Spielern keine sichere Meisterschaft versprechen, und wir haben kein Scheichgeld. Was wir haben, ist ein Laden, in dem Leute arbeiten, denen das hier etwas bedeutet.

Wenn ein Achtzehnjähriger in Dortmund unterschreibt, sitzt ihm jetzt jemand gegenüber, der mit achtzehn in diesem Stadion ein Meistertor geköpft hat und danach fünfzehn Jahre lang Jungs wie ihn betreut hat.

Das ist ein Argument. Kein entscheidendes, aber ein echtes.

/Ein Vorbehalt, den ich mir trotzdem notiere

Ich will nicht so tun, als wäre das ohne Risiko. Geschäftsführer Sport bei einem Verein dieser Größe ist ein knallharter Job: Kaderbudget, Beraterverhandlungen, Trainerentscheidungen, Öffentlichkeit. Ricken hat das in dieser Dimension noch nie gemacht.

Er wird Fehler machen. Das ist keine Prognose, das ist Mathematik.

Ich hoffe nur, dass wir ihm dann die Zeit geben, die wir bei diesem Verein selten jemandem gegeben haben. Watzke hat 2005 einen Klub übernommen, der wirtschaftlich am Boden lag, und es hat Jahre gedauert, bis daraus wieder etwas wurde.

Lars Ricken hat sich diesen Kredit über dreißig Jahre erarbeitet.

Viel Erfolg, Chef. Und danke für die sechzehn Sekunden.

SchlagworteLars Ricken1997NachwuchsWatzke