Abschied
Marco Reus – Scheiß auf die Titel
Warum er diesem Verein mehr bedeutet als zwanzig Meisterschalen woanders
294 Bundesligaspiele, eine Vorlage, ein Tor und ein 4:0 zum Schluss. Gestern hat Marco Reus sein letztes Heimspiel für den BVB gemacht. Über einen Spieler, dessen Karriere man nicht in einer Vitrine messen kann.
Ich habe gestern im Stadion gestanden und ungefähr ab der 70. Minute nichts mehr mitbekommen. Nicht, weil das Spiel schlecht war – 4:0 gegen Darmstadt, alles gut –, sondern weil ich die ganze Zeit auf einen Mann geguckt habe, der in einem Trikot rumlief, das er zum letzten Mal anhatte.
Marco Reus. 294 Bundesligaspiele für Borussia Dortmund. Am Ende noch einmal Kapitän, noch einmal eine Vorlage zum 1:0, noch einmal selbst das 2:0. Man kann sich seinen Abschied nicht besser schreiben, und trotzdem war die ganze Choreo, die ganze Ehrenrunde, das ganze Blumenstrauß-und-Uhr-Theater vor dem Anpfiff für mich nur Beiwerk.
Das eigentliche Ding stand später auf einem Schild: "Danke für alles! Das Abschiedsbier geht auf mich. Euer Marco."
Der Mann hat 81.000 Leuten ein Bier ausgegeben. Und das ist, ehrlich, ziemlich genau er.
/Die Sache mit den Titeln
Es wird jetzt tagelang durch die Talkshows laufen: Reus, der nie deutscher Meister wurde. Reus, der Verletzungspechvogel. Reus, der 2014 nicht mit zur WM konnte. Reus, der zweimal in einem Champions-League-Finale stand und beide Male verloren hat – wobei das zweite ja noch aussteht, wir fahren in zwei Wochen nach Wembley.
Und mir geht diese Erzählung so auf den Keks, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
Marco Reus hat 2021 als Kapitän den DFB-Pokal in die Luft gehoben. Er hat in der Bundesliga 156 Tore geschossen und 95 vorbereitet, über 250 direkte Torbeteiligungen, eine Zahl, die seit seinem Debüt 2009 fast niemand erreicht hat. Er hat über ein Jahrzehnt lang bei einem Verein gespielt, bei dem er in fast jedem Sommer hätte gehen können, und zwar überall hin.
Er ist geblieben. Immer wieder. Manchmal gegen jede wirtschaftliche Vernunft.
Ein Spieler, der zwanzig Meisterschaften gewinnt, aber nie eine Entscheidung gegen sein eigenes Konto trifft, hat weniger geleistet als einer, der bleibt, wenn Bleiben teuer ist.
/Fünfmal kaputt, fünfmal zurück
Was mich bei ihm immer am meisten beeindruckt hat, ist nicht der Antritt. Es ist das Danach.
Dieser Mann hat sich in seiner Karriere so oft schwer verletzt, dass ich die Chronologie nicht mehr zusammenkriege, ohne nachzuschlagen. Bänder, Muskeln, Sprunggelenk, Knie. Turniere verpasst, Endspiele verpasst, halbe Saisons verpasst.
Und jedes verdammte Mal kam er zurück. Nicht als Schatten seiner selbst, sondern als einer, der wieder Spiele entschieden hat. Mit 30, mit 32, mit 34. Gestern hat er mit 34 ein Tor gemacht, bei dem man sich wieder gefragt hat, wie er den Ball so früh sieht.
Ich habe Freunde, die nach einem Kreuzbandriss mit dem Kicken aufgehört haben. Nicht aus Faulheit, sondern weil dieser Weg zurück psychisch die Hölle ist. Reus ist ihn immer wieder gegangen, unter Beobachtung von Millionen Leuten, die jedes Mal geschrieben haben, dass es diesmal wohl vorbei sei.
/Was er ist
Er ist der Junge aus Dortmund, der als Kind auf denselben Plätzen gespielt hat wie wir. Der weggehen musste, um gut zu werden, und dann zurückkam, obwohl er nicht musste.
Er ist der, der nach einer 0:4-Klatsche als Erster vor die Kurve gegangen ist. Der, der in den Jahren ohne Titel, in den Jahren mit vier Trainern, in den Jahren mit dem ewigen "der BVB kann es halt nicht" das Gesicht hingehalten hat.
Und deshalb, ganz ehrlich: Scheiß auf die Titel.
Ich weiß, wie das klingt. Ich will die Schale auch. Ich will sie so sehr, dass ich 2023 gegen Mainz eine Stunde lang nicht ansprechbar war. Aber ich weiß auch, dass ich in dreißig Jahren nicht aufzählen werde, wie viele Schalen wir geholt haben. Ich werde erzählen, dass es bei uns mal einen gab, der geblieben ist.
/Noch ein Spiel
In zwei Wochen steht er in London auf dem Platz. Champions-League-Finale, Real Madrid, das größte Spiel, das dieser Sport zu bieten hat, als allerletzte Station einer Karriere im schwarzgelben Trikot.
Wenn es einen Gott des Fußballs gibt, dann hat er heute Abend noch was vor.
Und wenn nicht: Auch gut. Marco Reus muss nichts mehr beweisen. Er hat 81.000 Leuten ein Bier ausgegeben und uns zwölf Jahre lang gezeigt, wie man diesem Verein die Treue hält.
Danke, Marco. Für alles. Das Bier geht nächstes Mal auf uns.