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Champions League

Wembley – Wir waren da

Über eine Reise, die niemand erwartet hat, und ein Finale, das anders lief

03. Juni 2024Saison 2023/243 MinutenDer Autor

Fünfter in der Bundesliga – und trotzdem am 1. Juni in London im Endspiel um den größten Pokal des Weltfußballs. 0:2 gegen Real Madrid. Zwei Tage danach ein Text über das, was zwischen Newcastle und Wembley passiert ist.

Ich bin am Sonntagnachmittag in Dortmund aus dem Zug gestiegen, habe meine Tasche abgestellt und mich eine Viertelstunde auf eine Bank gesetzt. Nicht traurig. Eher: leer, so wie man nach einem sehr langen, sehr guten Tag leer ist.

Wir haben 0:2 verloren. Carvajal in der 74. nach einer Ecke, Vinícius in der 83. nach einem Fehler im Aufbau. Zwei Standardsituationen des modernen Fußballs, gegen die Mannschaft, die diesen Wettbewerb gewinnt, seit ich denken kann.

Und trotzdem will ich über dieses Finale nicht als Niederlage schreiben. Weil die Niederlage der langweiligste Teil dieser Geschichte ist.

/Erinnert ihr euch an die Auslosung?

Gruppenphase: Paris Saint-Germain, AC Mailand, Newcastle United. Todesgruppe, haben sie es damals genannt, und zwar nicht in der Boulevardpresse, sondern überall.

Wir sind Gruppenerster geworden.

Danach PSV im Achtelfinale. Dann Atlético Madrid im Viertelfinale – auswärts 1:2 verloren, zu Hause 4:2 gewonnen, ein Abend, an dem das Stadion so laut war, dass ich am nächsten Tag nicht telefonieren konnte.

Und dann das Halbfinale gegen Paris. Hin 1:0, Rück 1:0. Gegen eine Mannschaft, die in dieser Saison ungefähr das Bruttoinlandsprodukt eines mittleren Bundeslandes auf dem Platz hatte. Wir haben beide Spiele zu null gespielt. Zu null. Gegen dieses Team.

Zwischendurch haben wir in der Bundesliga Spiele verloren, die man nicht verliert. Fünfter am Ende. Genau das ist der Teil, den die Leute außerhalb nicht zusammenbekommen haben – und den ich, ehrlich gesagt, auch nicht erklären kann. Vielleicht ist es einfach so, dass diese Mannschaft in Spielen, in denen sie niemand erwartet, am besten war.

/Die erste Halbzeit in London

Und dann Wembley. Und dann die erste Halbzeit.

Wer sie gesehen hat, weiß, dass wir das Ding hätten führen müssen. Deutlich führen. Füllkrug knallt den Ball an den Pfosten. Adeyemi läuft allein auf Courtois zu. Sancho zieht ab, zweimal, dreimal, und dieser Torwart hält Dinge, die man nicht halten kann.

Real Madrid war in dieser Halbzeit nicht besser. Real Madrid war nur Real Madrid: Sie warten. Sie lassen es geschehen. Und dann kommt eine Ecke in der 74. Minute.

Ich saß in einem Pub in Wembley Park, weil ich keine Karte bekommen habe, und ich habe mit fünfzig anderen Leuten in schwarzgelben Trikots in diesen Fernseher geguckt. Beim Pfostenschuss ist der ganze Laden hochgegangen. Beim 0:1 hat niemand etwas gesagt.

Es ist eine merkwürdige Sache, ein Finale zu verlieren, das man eigentlich nie hätte erreichen dürfen. Man weiß nicht, ob man enttäuscht sein darf.

/Was bleibt

Was bleibt, ist, dass dieser Verein im Jahr 2024 im Endspiel der Champions League stand.

Nicht mit einem Kader aus zehn Nationalspielern in ihren besten Jahren. Sondern mit Leuten wie Hummels, der mit 35 in Paris ein Halbfinale entschieden hat, als hätte er es sich zum Geburtstag gewünscht. Mit einem Torwart, der monatelang Weltklasse war. Mit einem Leihspieler, der in Manchester abgeschrieben war und hier wieder Fußball gespielt hat.

Und mit 81.000 Leuten, die in dieser Saison bei jedem europäischen Heimspiel eine Kulisse gebaut haben, über die halb Europa geschrieben hat.

Das kriegt uns keiner mehr weg.

/Ein persönlicher Absatz

Auf dem Rückweg stand neben mir am Bahnsteig ein Mann, ungefähr siebzig, mit einem Schal von 1997. Er hat mich angeguckt und gesagt: "Isset schlimm?" Ich habe gesagt: "Ein bisschen." Und er: "Wir waren da. Das reicht mir."

Ich habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass er recht hat.

Es gibt Vereine, die kaufen sich in solche Abende ein. Wir sind dahin gestolpert, gerannt, gekämpft, über eine Saison, in der wir in der Liga nicht mal richtig gut waren. Das ist nicht weniger wert. Das ist auf eine schwer erklärbare Art sogar mehr wert.

Danke, Jungs. Für den ganzen Mai, für den ganzen April, für Paris.

Wir waren da.

SchlagworteChampions LeagueWembleyReal Madrid2023/24