Personalie
Sebastian Kehl – Echter Borusse
Über eine Trennung, die schnell ging, und einen Mann, der seit 2002 dabei war
Gestern hat der BVB die Zusammenarbeit mit Sebastian Kehl mit sofortiger Wirkung beendet, heute steht sein Nachfolger da. Ein Text über einen, der als Spieler dreimal Meister wurde und als Sportdirektor eine Mannschaft ins Champions-League-Finale gebaut hat.
Das ging schnell. Sehr schnell.
Gestern die Meldung, dass der BVB und Sebastian Kehl die Zusammenarbeit einvernehmlich und mit sofortiger Wirkung beenden. Rund 24 Stunden später steht mit Nils-Ole Book bereits der Nachfolger auf dem Podium, Vertrag bis 2029.
Ich will über Book heute gar nichts schreiben. Der bekommt seinen eigenen Text, wenn er ein paar Monate gearbeitet hat. Heute geht es um den, der geht.
/Erst mal die Zahlen
Sebastian Kehl kam 2002 als Spieler zum BVB. In dem Jahr, in dem wir Meister wurden. Er ist bis 2015 geblieben – dreizehn Jahre auf dem Platz, drei Meisterschaften, ein DFB-Pokal, ein verlorenes Champions-League-Finale.
Danach ist er nicht gegangen, sondern hat 2018 die Leitung der Lizenzspielerabteilung übernommen. Vier Jahre in diesem Job, in die unter anderem der Pokalsieg 2021 fällt. Im Sommer 2022 hat er von Michael Zorc als Sportdirektor übernommen.
Rechnet man alles zusammen, war dieser Mann seit 2002 mit Unterbrechung für Borussia Dortmund tätig. Der Verein hat ihn gestern in seiner Mitteilung einen "echten Borussen" genannt. Ich finde, das trifft es.
/Was unter ihm passiert ist
Es ist gerade Mode, die Jahre von Sebastian Kehl als Sportdirektor als graue Zwischenzeit zu erzählen. Das stimmt so nicht, und ich finde, das kann man mal richtigstellen.
In seine Amtszeit fallen:
- Die Saison 2022/23, in der diese Mannschaft am letzten Spieltag einen Punkt Vorsprung hatte und die Meisterschaft nur über die Tordifferenz verlor.
- Das Champions-League-Finale 2024 in Wembley. Gegen Real Madrid verloren, ja. Aber vorher PSG, Atlético und eine Gruppe mit Paris, Mailand und Newcastle.
- Der Transfer von Serhou Guirassy für rund 18 Millionen, der in seiner ersten Saison Torschützenkönig der Champions League wurde.
- Die Verpflichtung von Niko Kovac im Februar 2025, die damals von halb Deutschland als Notlösung bezeichnet wurde und rückblickend die wichtigste Trainerentscheidung seit Jahren war.
Dazu die Rückholaktionen, die Nachwuchsverlängerungen und eine Menge Arbeit, die nie in einer Meldung auftaucht.
Wer einen Sportdirektor nur an den Transfers misst, die nicht funktioniert haben, kann jeden Sportdirektor der Welt entlassen.
/Warum es trotzdem passiert ist
Ich tue nicht so, als hätte alles gepasst.
Es gab in diesen vier Jahren Sommer, in denen der Kader am Ende nicht die Struktur hatte, die man sich vorgenommen hatte. Es gab Verpflichtungen, die nie richtig angekommen sind. Und es gab Phasen, in denen die Kaderplanung eher wie eine Reaktion auf Abgänge aussah als wie ein Plan.
Dass der Verein ausgerechnet jetzt handelt, mitten in einer richtig guten Saison, ist auf den ersten Blick seltsam und auf den zweiten logisch: Wenn man einen Umbau machen will, macht man ihn aus einer Position der Stärke und nicht im Abstiegskampf.
Ich habe damit sportlich kein Problem. Ich habe nur ein Problem mit dem Wort "sofortige Wirkung".
/Der Ton
Ein Mann, der seit 2002 für diesen Verein arbeitet, verlässt ihn an einem Sonntag per Pressemitteilung. Am Montag steht der Nachfolger da.
Das ist im Profifußball normal. Es ist bei Borussia Dortmund aber nicht normal, und es sollte es auch nicht werden.
Wir sind der Verein, der Michael Zorc 44 Jahre hat arbeiten lassen. Der Emre Can nach einem Kreuzbandriss verlängert. Der Leute nicht wie Inventar behandelt. Das ist unsere halbe Identität, und wenn wir die aufgeben, sind wir irgendwann austauschbar.
/Nachtrag
Ich bin ziemlich sicher, dass Sebastian Kehl hier noch einmal richtig verabschiedet wird, vor Publikum, am Ende der Saison, so wie es sich gehört. Er hat es verdient.
Als Spieler war er der, den man aufs Feld geschickt hat, wenn es dreckig wurde. Als Funktionär war er der, der die unangenehmen Gespräche geführt hat, damit andere gute Nachrichten verkünden konnten.
Danke, Basti. Vierundzwanzig Jahre sind eine lange Zeit.