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Der Kapitän

Emre Can – Mein Kapitän

Warum die Binde bei ihm genau richtig liegt

21. März 2026Saison 2025/263 MinutenDer Autor

Er hat sich in der 28. Minute das Kreuzband gerissen und weitergespielt. Danach hat der BVB seinen auslaufenden Vertrag verlängert. Über einen Kapitän, den man erst versteht, wenn man ihn mal von der Tribüne aus vermisst hat.

Es gibt Spieler, über die redet man, wenn sie spielen. Und es gibt Spieler, über die redet man, wenn sie fehlen. Emre Can ist der zweite Typ, und das ist kein Nachteil, sondern eine Beschreibung.

Am 28. Februar, im Klassiker gegen Bayern, hat er sich das Kreuzband im linken Knie gerissen. Er hat es gemerkt. Und er hat weitergespielt. Erst in der zweiten Halbzeit ist er runter, weil es nicht mehr ging. Nicht, weil er es vernünftig fand.

Man kann das dumm finden. Sportmedizinisch ist es vermutlich auch dumm. Aber ich sag es, wie es ist: Genau deshalb trägt er die Binde.

/Sommer 2023, San Diego

Als Edin Terzic in der Vorbereitung in den USA verkündet hat, dass Emre Can neuer Kapitän ist, war das ein größeres Ding, als es damals klang. Marco Reus gab die Binde ab. Marco Reus. Das ist so, als würde man in einer Familie den Platz am Kopfende des Tisches neu vergeben.

Terzics Begründung war schlicht: Emre sei bei uns gereift. Kein Marketingtext, kein Heldenepos. Gereift.

Und genau so ist es dann auch gelaufen. Can ist Anfang 2020 von Juventus gekommen, erst auf Leihbasis, und er war nicht von Tag eins an Everybody's Darling. Er hat Phasen gehabt, in denen er auf der Bank saß und es nicht verstanden hat. Er hat Phasen gehabt, in denen die Diskussion über ihn lauter war als sein Spiel.

Was er nie hatte: eine Phase, in der er sich weggeduckt hat.

Ein Kapitän muss nicht der beste Fußballer der Mannschaft sein. Er muss der sein, der als Erster hingeht, wenn keiner hingehen will.

/Was er tatsächlich macht

Wer Can nur an Pässen misst, misst am falschen Ding vorbei. Seine Aufgabe in dieser Mannschaft ist seit Jahren dieselbe: den Laden zusammenhalten, wenn es zieht.

  • Er ist der, der den Elfmeter nimmt, wenn es eng ist. Nicht, weil er den schönsten Schuss hat, sondern weil er danach mit der Konsequenz leben kann.
  • Er ist der, der vor der Kurve steht, wenn es nichts zu feiern gibt. Das ist der unangenehmste Job im ganzen Verein, und er hat ihn sich nie aussuchen lassen.
  • Er ist der, der bei einem Sechzehnjährigen, der gerade seine ersten Minuten macht, vorher kurz die Hand auf die Schulter legt. Das steht in keiner Statistik.

In der Saison, die wir gerade spielen, hat diese Mannschaft eine Ruhe, die sie in den Jahren davor schlicht nicht hatte. Natürlich liegt das am Trainer. Natürlich liegt das an der Struktur. Aber es liegt eben auch daran, dass auf dem Platz einer steht, der schon alles gesehen hat und trotzdem noch jedes Mal den Kopf hinhält.

/Die Verlängerung ist die eigentliche Geschichte

Und jetzt der Teil, der mir wirklich wichtig ist.

Cans Vertrag lief aus. Er ist 32. Er hat ein gerissenes Kreuzband und eine Operation hinter sich. In der modernen, durchgerechneten Kaderplanung ist das eine Konstellation, in der Vereine sich höflich bedanken und die Zahlen sprechen lassen.

Der BVB hat verlängert.

Lars Ricken hat das öffentlich so begründet, dass Emre unser Kapitän sei und ein absoluter Vorbildprofi, und dass man ihn nach so einer schweren Verletzung unterstützen wolle. Erst die OP, dann die Unterschrift. In dieser Reihenfolge.

Ich weiß, dass es Leute gibt, die das für Sentimentalität halten. Ich halte es für das Gegenteil. Ein Verein, der einem verletzten Kapitän in dem Moment den Rücken stärkt, in dem er am wenigsten Gegenleistung liefern kann, sagt jedem einzelnen Spieler im Kader etwas über sich selbst. Und zwar etwas, das kein Berater wegverhandeln kann.

Das ist Kaderplanung. Nur eben die Sorte, die man erst in zwei Jahren in der Tabelle sieht.

/Was ich mir wünsche

Dass er zurückkommt. Nicht als Legende im Ruhestand, die man vor dem Anpfiff auf den Rasen schiebt, sondern als Spieler, der wieder in einen Zweikampf reingeht, als hinge sein Gehalt davon ab.

Ich habe genug Kapitäne bei diesem Verein gesehen, um zu wissen, dass die Binde nichts wert ist, wenn sie nur ein Stück Stoff ist. Bei Emre Can ist sie kein Stück Stoff. Bei ihm ist sie eine Ansage an die eigene Mannschaft.

Gute Besserung, Käpt'n. Wir halten so lange die Stellung.

SchlagworteEmre CanKapitänKreuzbandVertrag