Herzenssache
Ich geh mit dir, Borussia
Warum ich immer BVB-Fan sein werde
Ein Starschnitt über dem Bett, eine Aufstellung auf dem Schulweg, der Schoß meines Vaters auf der Tribüne und eine kaputte Brille im April 2013. Das hier ist keine Analyse. Das ist die Geschichte, warum ich gar keine Wahl hatte.
Über meinem Bett hing Stéphane Chapuisat. Nicht als Poster. Als Starschnitt. Neun Teile, Woche für Woche aus der Zeitschrift geschnitten, mit Tesafilm auf die Raufasertapete geklebt, und weil ich beim vierten Teil eine halbe Wade zu weit links angesetzt habe, hatte Chappi bis zum Auszug aus dem Kinderzimmer ein leicht verdrehtes Bein. Hat mich nicht gestört. Er hat trotzdem getroffen.
Chapuisat war für mich kein Schweizer. Chapuisat war Dortmund. 218 Spiele, 102 Tore, und in jedem einzelnen davon dieses unaufgeregte Ding, wo er den Ball annimmt, als hätte er alle Zeit der Welt, obwohl gerade zwei Innenverteidiger in ihn reinrutschen. Wenn du als Kind in Dortmund aufwächst, brauchst du so jemanden. Einen, der nicht schreit. Einen, der einfach macht.
/Die Aufstellung war unser Schulweg
Wir haben nie über Hausaufgaben geredet. Wir haben die Startaufstellung gerufen.
Das lief so: Einer fängt an, Torwart, dann geht es reihum, und wer stockt, hat verloren. Wir sind zu dritt die Straße runter, Ranzen auf dem Rücken, und schmettern Namen in die kalte Luft, als wäre es der Stadionsprecher persönlich. Es gab Streit über Formationen. Es gab Streit darüber, wer auf der linken Seite verteidigt. Es gab Streit über alles, und am Ende standen wir vor dem Schultor, hatten elf Namen und waren uns sicher, dass wir es besser wüssten als jeder Erwachsene.
Ich kann bis heute keinen Schulweg gehen, ohne innerlich eine Elf aufzustellen. Das ist kein Spleen, das ist Muskelgedächtnis.
/Auf Papas Schoß, Block irgendwas
Mein Vater hat mich mitgenommen, bevor ich alt genug war, um zu verstehen, was da passiert. Ich saß auf seinem Schoß, weil ich sonst nur Rücken gesehen hätte, und ich erinnere mich weniger an Spielzüge als an Gerüche. Bratwurst. Nasse Jacken. Und wenn es losging, dieses Vibrieren, das nicht aus den Lautsprechern kam, sondern aus dem Beton.
Er hat mir nie erklärt, warum wir da sind. Er hat einfach gesagt: "Zieh dir was drunter." Das war die ganze Erziehung.
Und dann kam der 17. Juni 1995.
/32 Jahre. Und dann ein Samstagnachmittag
Ich war neun. Ich hatte keine Ahnung, was 32 Jahre bedeuten. Für mich waren 32 Jahre ungefähr so lang wie die Zeit zwischen Weihnachten und Ostern. Für die Männer um mich herum war es ein halbes Leben.
Hamburger SV, letzter Spieltag, 15:30 Uhr. Neunte Minute: Andy Möller legt sich den Ball zurecht, und dieser Freistoß geht so rein, wie Freistöße nur in Filmen reingehen. 1:0. Eine gute halbe Stunde später eine Ecke von Stefan Reuter, und Lars Ricken – Lars Ricken, unser Junge, der aussah wie der große Bruder von einem aus meiner Klasse – macht das 2:0 mit dem Kopf.
Danach war es kein Fußballspiel mehr. Es war Warten. Bremen musste in München verlieren, und die Nachrichten kamen über Radios, über Gerüchte, über die Gesichter von Leuten drei Reihen weiter. 3:1 für Bayern. Bremen verliert. Wir sind Meister.
Ich habe in dem Moment nicht gejubelt. Ich habe geguckt, was mein Vater macht. Und mein Vater, ein Mann, der in meinem ganzen Leben vielleicht dreimal geweint hat, hat mich einfach nur festgehalten und nichts gesagt. Gar nichts. Minutenlang.
Das ist mein erstes richtiges Fußballgefühl. Nicht der Jubel. Die Stille von einem Erwachsenen, der 32 Jahre gewartet hat.
/Und dann zerbricht 18 Jahre später eine Brille
Springen wir. 9. April 2013. Viertelfinal-Rückspiel gegen Málaga. Ich bin längst erwachsen, habe eine eigene Wohnung, eine anständige Brille und angeblich auch eine gewisse Selbstbeherrschung.
Es steht 2:1 für Málaga, wir fliegen raus, es ist vorbei, jeder weiß das. Lewandowski hatte in der 40. getroffen, danach war das Ding weg. Nachspielzeit. Reus macht das 2:2, und da bin ich schon aufgestanden, und mein Kopf weiß noch: reicht nicht, wir brauchen noch eins.
Dann 90.+3. Das Gewühl vor dem Tor, der Ball springt, und Felipe Santana – ein Innenverteidiger, der in dieser Saison ungefähr so oft im gegnerischen Strafraum war wie ich in der Oper – stochert das Ding über die Linie.
Was dann passierte, habe ich später auf einem Handyvideo gesehen, das ich lieber nicht kommentiere. Ich bin hochgesprungen, jemand ist mir entgegengesprungen, Schulter gegen Gesicht, und meine Brille lag in zwei Teilen zwischen leeren Flaschen auf dem Boden. Ich habe die restlichen zwanzig Minuten dieser Nacht halb blind gefeiert und bin am nächsten Morgen mit Klebeband über der Nase zur Arbeit gefahren.
Die Kollegen haben gefragt, ob alles okay sei. Ich habe gesagt: "Santana." Zwei von ihnen haben genickt. Mehr Erklärung brauchte es nicht.
Man sucht sich das nicht aus. Man wird da reingeboren, und dann bleibt man.
/Deshalb
Leute fragen mich manchmal, warum ich dem Verein die Treue halte, auch wenn es sportlich mal wehtut. Die Frage ergibt für mich keinen Sinn. Das ist, als würde man fragen, warum ich meinen Nachnamen behalte.
Ich habe Chapuisat über dem Bett gehabt. Ich habe auf einem Schulweg Aufstellungen gerufen, die nie jemand gespielt hat. Ich habe auf dem Schoß meines Vaters gesessen, als 32 Jahre zu Ende gingen. Und ich habe eine Brille verloren, weil ein Brasilianer in der 93. Minute den Fuß hingehalten hat.
Das ist keine Bilanz. Das ist ein Leben.
Und deshalb gehe ich mit dir, Borussia. Immer.