Legenden
Michael Zorc – Mehr als nur ein Manager
44 Jahre, 463 Bundesligaspiele und ein Abschied, der keiner war
Zweieinhalb Jahre nach seinem Abschied als Sportdirektor kehrt Michael Zorc in den Aufsichtsrat zurück. Ein guter Anlass, endlich mal richtig aufzuschreiben, was dieser Mann für den BVB war – auf dem Platz und danach.
Michael Zorc kommt zurück. Am Montag, bei der Gesellschafterversammlung in den Westfalenhallen, rückt er in den Aufsichtsrat auf. Christian Kullmann und Bodo Löttgen scheiden aus, zwei Plätze werden frei, einer davon geht an einen Mann, der 44 Jahre für diesen Verein gearbeitet hat.
Ich habe mich über wenige Personalmeldungen der letzten Jahre so gefreut. Und mir ist beim Lesen aufgefallen, dass ich über Michael Zorc nie richtig geschrieben habe. Das hole ich jetzt nach.
/Erst mal der Spieler, bitte
Die meisten unter 30 kennen Zorc als den Mann im Sakko, der neben Watzke auf der Tribüne sitzt. Das ist ungefähr so, als würde man Beckenbauer als Fernsehexperten kennen.
Michael Zorc hat 463 Bundesligaspiele für Borussia Dortmund gemacht. Vierhundertdreiundsechzig. Das ist bis heute Vereinsrekord und wird es vermutlich bleiben, solange Fußball so gespielt wird, wie er gespielt wird. Dazu 131 Bundesligatore aus dem Mittelfeld – mehr hat für den BVB nur Manfred Burgsmüller geschossen, und der war Stürmer.
Von 1988 bis 1997 war er Kapitän. Neun Jahre. In dieser Zeit ist aus einem Klub, der jahrzehntelang nichts gewonnen hatte, eine Mannschaft geworden, die 1995 und 1996 deutscher Meister wurde und 1997 die Champions League geholt hat. Und danach, im Dezember, in Tokio auch noch den Weltpokal.
Er war dabei. Immer. Nicht als Star, den man auf Poster druckt, sondern als der, der alles zusammengehalten hat.
Wenn ich an Zorc als Spieler denke, sehe ich keinen Hackentrick. Ich sehe einen Mann, der da steht, wo der Ball gleich hinkommt. Zehn Jahre lang. Das ist eine Fähigkeit, die niemand feiert und ohne die keine Mannschaft etwas gewinnt.
Es gibt Spieler, die machen die schönen Tore. Und es gibt den, der das Spiel dahin trägt, wo die schönen Tore entstehen. Zorc war das.
/Dann der Manager
Und dann hat er etwas gemacht, was fast nie klappt: Er ist im selben Verein vom Platz an den Schreibtisch gewechselt – und hat es besser gemacht als die meisten Leute, die für den Job ausgebildet sind.
Ab 1998 war er für den sportlichen Bereich verantwortlich. Und wer sich erinnert, in welchem Zustand dieser Klub Anfang der 2000er war, der weiß, dass "verantwortlich" damals hieß: Löcher stopfen, mit dem Rücken zur Wand verhandeln, Spieler überzeugen, die zehn bessere Angebote hatten.
2008 hat er Jürgen Klopp geholt. Das ist die Entscheidung, an der sich dieser Verein neu erfunden hat. 2011 Meister, 2012 das Double. Danach Jahre, in denen er einen Kader gebaut hat, der in ganz Europa gefürchtet war, und das mit einem Bruchteil des Geldes, das andere ausgegeben haben.
Dazu die Pokalsiege 2017 und 2021. Und eine lange Liste an Transfers, über die man einen eigenen Text schreiben könnte, weil sie zeigt, wie jemand arbeitet, der nicht nur Videos guckt, sondern Menschen einschätzen kann.
/Der Abschied 2022
Im Sommer 2022 war Schluss. 44 Jahre BVB, und dann geht er einfach. Sebastian Kehl hat am 1. Juli übernommen.
Zorc hat damals gesagt, er wolle keine Abschiedstournee. Natürlich hat er das gesagt. Es hätte nicht zu ihm gepasst, sich vierunddreißig Spieltage lang beklatschen zu lassen.
Ich fand das damals fast zu leise. Ich stand vor dem Fernseher und dachte: Das war's? Der Mann war länger bei diesem Verein, als ich lebe.
Aber vielleicht ist genau das der Punkt. Zorc hat nie Aufhebens um sich gemacht, nicht als Kapitän, nicht als Manager, nicht am Ende. Er hat gearbeitet. Und wenn du in diesem Geschäft 44 Jahre lang arbeitest, ohne dich wichtig zu machen, dann sagt das mehr über dich aus als jede Rede.
/Und jetzt eben doch nicht weg
Er wird sich ins Tagesgeschäft nicht einmischen, heißt es. Glaube ich sofort. Das ist auch nicht der Punkt.
Der Punkt ist, dass in einem Gremium, das über die Zukunft dieses Vereins entscheidet, ab Montag jemand sitzt, der weiß, wie sich der Westfalenring anfühlt, wenn nichts läuft. Der weiß, was ein Innenverteidiger wert ist, wenn er 19 ist. Und der noch nie einen Satz gesagt hat, der wie eine Pressemitteilung klang.
Wir stehen gerade nach zehn Spieltagen auf Platz sieben, und die Stimmung ist, na ja, gedämpft. Das ist ein ziemlich guter Moment für eine Nachricht wie diese.
Willkommen zurück, Zocker.