Transfer
Jobe Bellingham – Ein eigener Name
Warum dieser Transfer mehr ist als eine Familiengeschichte
Er heißt Bellingham, er ist 19, er kommt aus Sunderland und hat bis 2030 unterschrieben. Und das Erste, was ihm alle erklären werden, ist, dass er nicht sein Bruder ist. Ein Text darüber, warum das komplett egal ist.
Am Sonntag ist er aus dem Trainingslager der englischen U21 abgereist, am Abend in Dortmund gelandet, am Montag zum Medizincheck. So geht das heute.
Jobe Bellingham, 19 Jahre alt, kommt vom AFC Sunderland zum BVB. Vertrag bis 2030. Nach allem, was man hört, ohne Ausstiegsklausel – was in diesem Geschäft inzwischen fast schon eine Nachricht für sich ist.
Und weil es unvermeidlich ist, machen wir den Absatz einmal und dann nie wieder.
/Ja, das ist der Bruder
Jude Bellingham hat hier drei Jahre gespielt, ist als Weltstar nach Madrid gegangen und hat diesem Verein einen Transfererlös gebracht, von dem wir immer noch zehren.
Jobe ist nicht Jude. Er spielt anders, er ist anders gebaut, er kommt aus einer anderen Situation.
Der eine kam mit 17 aus Birmingham als Riesentalent mit Riesenerwartung. Der andere kommt mit 19 aus dem englischen Unterhaus, wo er zwei Jahre lang jedes Wochenende im Männerfußball gespielt hat, gegen Leute, denen der Name egal war.
Ich finde das ehrlich gesagt den interessanteren Weg.
/Warum der Transfer passt
Es gab in diesem Sommer Gerüchte, dass der BVB erst mit einem Angebot unter 25 Millionen abgeblitzt ist und dann nachgelegt hat. Man kann das für teuer halten. Ich halte es für genau das, was dieser Verein machen muss.
Wir haben in den letzten Jahren zu oft Spieler geholt, die schon fertig waren – oder zumindest so aussahen. Fertige Spieler kosten mehr, bringen weniger Entwicklung und haben selten den Hunger, den ein Zwanzigjähriger hat, der gerade merkt, dass er es kann.
Der BVB ist der Klub, der junge Leute besser macht. Das ist kein Marketingsatz, das ist die Geschäftsgrundlage. Jedes Mal, wenn wir davon abgewichen sind, haben wir es bezahlt.
Ein Neunzehnjähriger mit Fünfjahresvertrag und ohne Ausstiegsklausel ist 2025 ungefähr das Seltenste, was der Transfermarkt hergibt.
/Was er mitbringt
Jobe ist ein Mittelfeldspieler, der körperlich schon jetzt in der Bundesliga bestehen kann. Groß, kräftig, laufstark, mit einer Bereitschaft, in den Strafraum einzurücken, die man nicht jedem beibringen kann.
Unter einem Trainer, der zwei Sechser und zwei Halbräume spielt und von beiden Positionen sehr viel Arbeit gegen den Ball verlangt, ist das ein brauchbares Profil. Ob er sofort spielt, ist eine ganz andere Frage, und ich hoffe fast, dass er es nicht tut.
Denn das Beste, was diesem Jungen passieren kann, ist ein halbes Jahr, in dem er nicht der Wichtigste ist.
/Ein Wunsch an uns selbst
Ich habe hier auf der Südtribüne in den letzten fünfzehn Jahren erlebt, wie schnell wir aus einem Talent eine Erwartung machen. Und wie schnell aus einer Erwartung ein Vorwurf wird.
Wenn Jobe Bellingham im September zweimal einen Ball verstolpert, wird jemand schreiben, dass er den falschen Nachnamen trägt. Garantiert.
Lasst uns das einfach nicht mitmachen.
Er ist 19. Er ist in ein fremdes Land gezogen, wo er die Sprache nicht spricht und wo jeder eine Meinung über seine Familie hat. Er hat sich aus allen Optionen, die er hatte, den Verein ausgesucht, bei dem er weiß, dass er spielen wird.
Das verdient erstmal Vertrauen und keine Bewertung.
Willkommen in Dortmund, Jobe. Nimm dir Zeit.